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Erwachsen werden in LiebesdingenDie neue Kunst der Partnerschaft
Romantische LiebesbeziehungenIn den Armen meines Geliebten Vergehen und Werden sind eins
Im Gespräch mit einer Freundin, die seit einigen Monaten eine heimliche Beziehung lebt, total »verknallt« ist und dem ganzen Sturm der Gefühle ausgeliefert, die eine solche Situation begleiten, kamen wir auf »romantische Liebe« zu sprechen. Ihren Mann, mit dem sie seit 20 Jahren zusammen ist, schätze sie sehr, sie seien nah und vertraut. Auch noch nach so vielen Jahren sei Sex immer wieder schön und nährend, geprägt von wechselseitiger Achtung, erfüllt von tiefer Zärtlichkeit. Er ist ihre Jugendliebe, die Beziehung war nie von heftiger Leidenschaftlichkeit bestimmt. Bisher habe sie das auch gar nicht vermißt. Zwar habe sie hin und wieder sehnsüchtige Zweifel empfunden, wenn sie zum Beispiel beim Durchblättern von Illustrierten Sex als das große, überwältigende Erlebnis, den BigBang, beschrieben gefunden habe. Dann habe sie sich schon auch mal gefragt, ob denn bei ihr alles stimme, weil sie dieses Feuerwerk, Erdbeben und Sturmflut in einem, mit ihrem Mann nicht erlebe. Mehr als eine leise Beunruhigung bedeutete das jedoch nicht, sie war zufrieden. In der heimlichen Beziehung zu ihrem Geliebten eröffnete sich ihr schlagartig diese bisher nur erahnte Welt. Sie lebte in einem Rausch köstlichster Intensität, wie das eben so ist, wenn man voll verliebt ist. Alles an ihr war Fließen und Schmelzen. Nur, da war ja auch noch die andere Welt: ihre Familie, die Beziehung zu ihrem Mann und ihren vier Kindern, alles, was sie in den gemeinsamen Jahren, nicht nur an Materiellem, miteinander erarbeitet hatten. Sie erlebte sich hin- und hergerissen zwischen wildesten Sehnsüchten und heftigsten Schuldgefühlen, Trotz und Angst, Ekstase und Verzweiflung. Über das, was man so landläufig romantische Liebe nennt, habe sie bis dahin immer gelächelt. Wir überlegten, daß es vielleicht zwei unterschiedliche Formen romantischer Liebe gibt. In dem, was gängig darunter verstanden wird, geht es um den Versuch, etwas zu finden, was es für Erwachsene nicht mehr gibt: Das dauerhafte Rückgängigmachen des Getrenntseins. Kindheit, die Zeit zwischen Geburt und Erwachsenwerden, besteht ja darin, daß der Prozeß der Trennung, der mit dem Durchschneiden der Nabelschnur körperlich vollzogen wurde, nun auch vom Rest der Person nach und nach verwirklicht wird. Nach dem kurzen Moment von Panik, wenn die bisher selbstverständliche Zufuhr alles Lebensnotwendigen nach dem Kappen der Versorgungsleitung brüsk abgeschnitten wird, erlebt das Kind im organischen Bereich, daß es als getrenntes Wesen überlebensfähig ist. Auf der emotionalen Ebene verläuft dieser Prozeß auch in einer normalen Kindheit bei weitem nicht so klar. Damit er konsequent zu Ende geführt werden könnte und aus Kindern später einmal emotional erwachsene Menschen werden, die um ihr existenzielles Getrenntsein wissen und fähig sind, Liebende zu sein, bräuchte es in der Kindheit ein Ausmaß bedingungsloser Liebe, das die Eltern, die ihrerseits beschädigte, bedürftige Wesen sind, nie geben können. Kindliche Unerfülltheit ist naturgegeben und führt später zu Sehn-Sucht nach Erlösung im dauerhaften Verschmelzen mit dem Geliebten. Die meisten romantischen Liebesbeziehungen zwischen Erwachsenen zeugen davon, daß diese Sehnsucht nie erfüllt wurde und deshalb weiterhin süchtig ersehnt wird. Romantisches Verliebtsein ist die kürzer oder länger dauernde rauschhaft erlebte Zeitspanne, in der das kleine Kind, das in jedem von uns lebt, selig aufseufzend, beziehungsweise im Sex aufstöhnend, wähnt, all das Schreckliche, Enttäuschende, was es in den ganzen Jahren erlebt hat, sei nur ein böser Traum gewesen, der endlich zu Ende gegangen ist. Wider alles Wissen glauben Verliebte irgendwie, daß der Partner sich wie durch die Berührung mit dem Stab der guten Fee von einem ganz gewöhnlichen Menschen in die vollkommene Mutter oder den vollkommenen Vater verwandelt habe. Sie hoffen, daß die Zeit der nimmer endenden Seligkeit endlich angebrochen ist. Nach einiger Zeit geschieht dann das Unvermeidbare: Der Lack ist ab. Die beiden Verliebten merken schmerzhaft, daß der andere genauso wie man selbst eine Mogelpackung ist. Entsprechend den von der Transaktionsanalyse definierten menschlichen Grundpositionen: Ich bin o. k. – du bist nicht o.k. kommt es dann dazu, daß man auf Schuldsuche geht – bei sich selbst, beim Partner – oder aber bei dem Fazit landet, daß die ganze Welt und das Leben überhaupt beschissen und ungerecht sind. Irgendwas oder irgend jemand muß ja schließlich schuld sein. Entweder endet die Enttäuschung in einem nicht endenden schäbigen Kleinkrieg der ehemals Verliebten mit Spielen ersten, zweiten oder dritten Grades (Spiele ersten Grades sind solche, die man in der Öffentlichkeit spielt, Spiele zweiten Grades spielt man lieber hinter vorgezogenen Gardinen, Spiele dritten Grades enden in der Klapse, im Knast oder auf dem Friedhof), oder Oder damit, oder aber Diese Spielarten romantischer Liebe und die daraus sich ergebenden Schicksale könnte man kindlich-neurotisch nennen. Nun, vielleicht gibt es noch etwas anderes. Vielleicht gibt es Liebesbeziehungen, bei denen all die Gefühle, die in romantischen Beziehungen auftauchen, vorhanden sind und sogar noch viel mehr, ohne die zwangsläufige Enttäuschung. Vielleicht gibt es etwas wie: Ich brauche nichts von Dir
Vielleicht könnte so eine romantische Liebesbeziehung zwischen wirklich Erwachsenen aussehen, zwischen Menschen, die emotional zu Ende geboren sind, um ihre Getrenntheit und existentielle Einsamkeit wissen und den Abschied von der Abhängigkeit vollzogen haben. Sie wäre ein Spiel in Leichtigkeit, absichtsloses Geben und Nehmen und deshalb frei, jeden Moment in sich erfüllt und deshalb nicht auf Dauer angelegt. Sie dürfte jeden Moment sterben und kann deshalb auch ewig leben. Alles könnte sein in ihr, weil nichts sein muß. In ihr ginge es letztlich nicht mehr um eine Liebesbeziehung zwischen zwei Personen, sondern um die des Lebens mit sich selbst, die sich in diesem Moment in genau diesen beiden Personen manifestiert. Eine romantische Liebesbeziehung, die dadurch entstehen kann, daß sich diese »Liebesbeziehung des Lebens mit sich selbst« auch in jedem der beiden Partner unabhängig vom anderen offenbart, daß beide in einer Liebesbeziehung mit sich selbst stehen, und, sollte ihre gemeinsame Liebe zu Ende gehen, frei sind, eine Liebesbeziehung mit sich allein weiterzuführen, sich von einer neuen Liebe mit einem anderen Menschen beschenken zu lassen oder
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© 2004 Karl Geck | Poststraße 11 | D-79730 Murg |
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