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Karl Geck/
Christiane Hofmann:
Das Leben weitergeben – Wie Erwachsene und Kinder voneinander lernen können; Bauer Verlag, Freiburg, 2001; ISBN 3-7626-0806-7 Hardcover, 175 Seiten Preis: € 12,00
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Das Leben weitergeben
Wie Erwachsene und Kinder voneinander lernen können
Kapitel 12: Loslassen
Loslassen von Anfang an
Nichts gehört uns auf dieser Welt, auch nicht unsere Kinder. Loslassen ist eines der wichtigsten Grundprinzipien des Lebens: Loslassen erzeugt ein Vakuum und schafft damit Platz für Neues. Manchmal können wir eine Zeit lang Widerstand leisten, aber wir können Loslassen weder verhindern noch erzwingen. Wir können lediglich den Prozess mitgestalten und damit selbst aktiver Teil von ihm werden.
Momente des Loslassens Loslassen ist nicht unbedingt etwas Spektakuläres, und es geschieht immerzu, von der Empfängnis bis zum Tod eines Individuums. Im Prozess der zunehmenden Auflösung der symbiotischen Einheit von Eltern und Kind gibt es gewisse Übergangsriten, die größere Entwicklungsabschnitte beenden. Der spektakulärste ist der Moment der Geburt, in dem die weit gehende biologische Einheit mit der Mutter abrupt zu Ende geht. Mit zunehmendem Alter des Kindes kommen kulturelle Rituale dazu, die von einem Entwicklungsstadium zum anderen überleiten, so beispielsweise der erste Schultag.
Solche Momente bedeuten nicht nur für das Kind einen Identitätssprung. Genauso verändert sich die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kindern und damit auch die Identität der Eltern. Vielleicht ist ja Elternsein überhaupt für viele Menschen die gemäßeste Art, das Loslassen-Müssen in einem Kontext von Liebe zu erleben und zu üben.
Loslassen fängt mit der Geburt an und endet nie, auch nicht in dem Moment, wo das letzte Kind aus dem Haus geht. Die organische Trennungsgewissheit, die wir bei der Geburt erfahren, gerät schnell wieder in den Hintergrund. Die Szene ist zuerst einmal geprägt von der postnatalen Symbiose. Im weiteren Verlauf erzwingen dann biologische, seelische und soziale Notwendigkeiten unaufhaltsam Veränderungen in der Beziehung zwischen dem heranwachsenden Menschen und seiner Mit-Welt.
Die sozialen Faktoren sind dabei je nach Kultur sehr unterschiedlich: Ob z.B. Frauen ihre Kinder stillen, bis diese schneller laufen können als sie selbst, wie es bei manchen Indianerstämmen üblich ist, oder ob, wie bei uns heute, die für richtig befundene Stillzeit zwischen drei und maximal 18 Monaten definiert wird, hat letztlich keine Bedeutung für den Prozess einer geglückten Verselbstständigung eines jungen Menschen.
Auslagerung von Lebensfunktionen Doch in allen Kulturen wird mit zunehmendem Lebensalter eine wachsende Anzahl von Lebensfunktionen aus der besonderen Beziehung zwischen dem Kind und seiner Mutter, seinen Eltern, seiner Sippe heraus in einen größeren Kontext verlagert. Einerseits kann der junge Mensch in einem unmittelbaren persönlichen Kontakt mit dem Kosmos, meist auf der biologischen Ebene, selbst Aufgaben übernehmen, bei denen er vorher auf andere angewiesen war. Andererseits wächst er in einen größeren sozialen Beziehungszusammenhang hinein und lernt in diesem Rahmen einen Broterwerb, um sich selbst zu ernähren. Die neuen Abhängigkeiten, in die er dabei gerät, sind weniger »Monokultur«. Dadurch erwirbt er eine größere Flexibilität bei der Bewältigung der Wechselfälle des Lebens und erschließt sich neue Freiheitsräume.
Geglücktes Loslassen Als geglückt ist der Prozess des Loslassens auf der Seite des Kindes dann zu bezeichnen, wenn es sein Leben mit Hilfe dessen gestaltet, was ihm seine Eltern gegeben haben, und damit akzeptiert hat, auf sich selbst gestellt und selbstverantwortlich zu sein.
Obwohl für die meisten Eltern auch ein 60-jähriger Sohn (bzw. eine 60-jährige Tochter) im tiefsten Inneren noch das rührende, hilflose Geschöpf von damals ist, sein Schmerz und seine Angst ihnen nähergehen als die Befindlichkeiten anderer Menschen, seine Freude und sein Glück sie tiefer berühren, gibt es dennoch auf Seiten der Eltern ein geglücktes Loslassen. Es bedeutet, diesen Menschen als Sohn oder Tochter so zu nehmen, wie er ist, sich mit der ganzen Liebe hinter ihn zu stellen und ihn zu segnen. Und es bedeutet, den Raum und die Zeit, die vorher die Kinder eingenommen haben, mit etwas Neuem zu füllen, was auf eine andere Weise als »er-füllend« erlebt wird.
Ein geglücktes Loslassen der Kinder ist für Eltern eine wichtige Station der eigenen Entwicklung. Es ist gleichzeitig auch Erinnerung an die Endlichkeit des eigenen Lebens, Erinnerung daran, dass wir das Leben weitergegeben haben und irgendwann aus dem Kreislauf wieder aussteigen dürfen.
Zum Nach-denken
In welchen Bereichen sind Ihre Kinder selbst verantwortlich (Hausaufgaben. Zimmer aufräumen, Wäsche usw.)? Können Sie da wirklich loslassen?
Nehmen Sie Ihre Kinder so an, wie sie sind, und sind Sie gleichzeitig damit versöhnt, was Sie ihnen auf ihrem Lebensweg mitgeben können?
Geglücktes Loslassen bedeutet, uns mit dem zu versöhnen, was wir unseren Kindern gegeben haben, im Guten wie im Bösen, im Mangel wie in der Fülle.
