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Wer immer ganz offen ist,
ist nicht ganz dicht.

(Unbekannt)

Man kann sich nicht nicht entscheiden.

 

Verantwortlichkeit beginnt damit, daß Du sagst, daß Du die Ursache in einer Angelegenheit bist.
Verantwortlichkeit ist nicht Bürde, Lob, Vorwurf, Verdienst, Schande oder Schuld.
Verantwortlichkeit ist keine Bewertung von gut oder schlecht, richtig oder falsch.

Verantwortlich sein beginnt mit der Bereitschaft, mit einer Situation von dem Gesichtspunkt aus umzugehen, daß Du der Verursacher bist, Du bist, was Du tust, was Du hast und was Du bist.

Das ist nicht die Wahrheit, es ist ein Ort, an dem Du stehen kannst.
Niemand kann Dich verantwortlich machen, noch kannst Du einem Anderen Verantwortung auferlegen. Es ist eine Würde, die Du Dir selbst gibst, ein kraftvoller Kontext, der Dich so hinterläßt, daß Du in den Angelegenheiten des Lebens etwas zu sagen hast.

(Unbekannt)

Letzte Warnung

Wenn wir nicht aufhören
Uns mit unseren kleinen
Täglichen Sorgen
Und Hoffnungen
Unserer Liebe
Unseren Ängsten
Unserem Kummer
Und unserer Sehnsucht zu beschäftigen
Dann geht die Welt unter.

Und wenn wir aufhören
Uns mit unseren kleinen
Täglichen Sorgen
Und Hoffnungen
Unserer Liebe
Unserem Kummer
Und unserer Sehnsucht
Zu beschäftigen
Dann ist die Welt untergegangen.

(Erich Fried)

Soll ich Dir ein großes Geheimnis verraten, mein Freund?
Warte nicht auf das letzte Gericht: es findet jeden Tag statt.

(Albert Camus)

In den Achtzigerjahren nahm ich an einem Seminar bei Elisabeth Kübler-Ross teil. Ich traf dort Stephan Jankovic, der von einem »tödlichen« Unfall berichtete, den er 1963 im Tessin hatte. Er lag etwa eine Woche im Koma und diktierte direkt nach seinem Aufwachen alles, was ihm erinnerbar war. Am meisten berührte mich Folgendes:
Er sah seinen eigenen Lebensfilm, beginnend mit dem Moment des Unfalls bis zu seiner Geburt an sich vorbeiziehen und war gleichzeitig der Bewerter seines Lebens.

Bei dieser Bewertung gab es zwei Kriterien:
Er stellte fest, daß in der Beurteilung seines Lebens nur sehr bedingt die Maßstäbe galten, die für ihn zu seiner »Lebenszeit« verbindlich waren. Das Einzige, was letztlich zählte, war, aus welchen Motiven er etwas getan oder unterlassen hatte. Das Einzige, was zählte, war: hab' ich etwas »liebend«, d. h. bedingungslos gemacht, oder war mein Handeln selbstbezogen, ein »Um-zu-Handeln«? Habe ich es gemacht, um einer inneren oder äußeren Belohnung willen, um gut dazustehen vor mir oder den Anderen, um damit etwas erzwingen zu wollen, etc.? In diesem Kontext erschienen manche Handlungen oder Unterlassungen, die zu seinen Lebzeiten negativ bewertet worden waren, als durchaus gut und umgekehrt vieles von dem, was er in seinem Alltag als »edel« angesehen hatte, durchaus fragwürdig.

Er erlebte, daß nicht nur das, was er Anderen angetan oder was er bei Anderen unterlassen hatte, von ihm als gut oder nicht gut bewertet wurde, sondern genauso das, was er sich selbst angetan und bei sich selbst unterlassen hatte – daß zum menschlichen Dilemma gehört, daß wir oft nur die Wahl haben, wem gegenüber wir Schuld auf uns laden, und daß es keinen Ausweg darstellt, sich immer selbst zurück zu setzen, um ja nicht Anderen weh zu tun.
Daß niemand durchs Leben kommen kann, ohne Schuld auf sich zu laden.

 

Man muß den Dingen die eigene,
stille, ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann:
alles ist Austragen – und dann Gebären.

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit.

Man muß Geduld haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Forsche jetzt nicht nach den Antworten,
die Dir nicht gegeben werden können,
weil du sie nicht leben kannst.
Und es handelt sich darum, alles zu leben!

Lebe jetzt die Fragen,
vielleicht lebst Du dann allmählich
ohne es zu merken
eines fernen Tages in die Antwort hinein.

(Rainer Maria Rilke)

Eines Tages kam ein Enkel zu seinem Großvater und erzählte ihm voller Wut davon, dass ihm durch einen Mitschüler zuvor Unrecht widerfahren war. Der Großvater antwortete:
»Ich möchte dir eine Geschichte erzählen:
Auch ich habe häufig großen Hass auf diejenigen gehabt, die mir etwas angetan hatten. Aber Hass kostet dich Kraft; deinen Gegner hingegen verletzt er nicht. Es ist so, als würdest du Gift nehmen und darauf hoffen, dass dein Gegner stirbt. Ich habe immer und immer wieder mit diesen Gefühlen kämpfen müssen.«
Er nickte und fuhr fort: »Es ist, als würden zwei Wölfe in mir leben; einer ist gut und tut nichts Böses. Er lebt in Einklang mit allem um mich und er greift nicht an, wenn ich nicht wirklich angegriffen wurde. Er kämpft nur, wenn es recht ist, dies zu tun, und er kämpft anständig.
Aber der andere Wolf, ach! Er ist voller Wut. Die kleinste Sache bringt ihn auf. Er kämpft mit jedem, ständig, ohne jeden Grund. Er ist ausserstande nachzudenken, weil seine Wut und sein Hass so groß sind.«
Er ist schwer, mit diesen beiden Wölfen in mir zu leben – denn beide versuchen ständig, meinen Geist zu beherrschen.«
Der Enkel schaute gespannt in seines Großvaters Augen und fragte: »Welcher von beiden siegt, Großvater?«;
Der Großvater sagte feierlich: »Der, den ich füttere.«

(unbekannt)

Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um die Kraft für den Alltag.

Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

Ich bitte um Kraft für das rechte Maß, dass ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf bewusst wahrnehme, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte und Raum finde für Augenblicke der Stille.

Lass mich erkennen, dass Grübeln nicht weiterhilft, weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft. Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.

Bewahre mich vor der Erwartung, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge und so genannte Rückschläge eine hilfreiche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.

Schicke mir im rechten Augenblick jemanden, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen, und lass mich Deine Wahrheit aus meinem Innersten hören.

Ich weiß, dass sich viele Probleme auch dadurch lösen können, dass ich nichts tue. Zeige mir, wo ich warten soll, und gib mir die Geduld und das Vertrauen dazu.

Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschäft des Lebens gewachsen bin.

Verleihe mir die nötige Wachsamkeit, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte – mit oder ohne Worte – an der richtigen Stelle abzugeben.

Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die »unten« sind.

Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche.

Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

Lass mich jeden Tag Dich in mir spüren. So können auch die Anderen Dich durch mich erfahren und fühlen, dass Du in uns allen bist, bei jedem kleinen Schritt.

(nach Antoine de Saint-Exupery)

Herr Keuner ging durch ein Tal, als er plötzlich bemerkte,
daß seine Füße im Wasser gingen.

Da erkannte er, daß sein Tal in Wirklichkeit ein Meeresarm
war und daß die Zeit der Flut herannahte.

Er blieb sofort stehen, um sich nach einem Kahn umzusehen,
und solange er auf einen Kahn hoffte, blieb er stehen.

Als aber kein Kahn in Sicht kam, gab er diese Hoffnung auf
und hoffte, daß das Wasser nicht mehr steigen möchte.

Erst als ihm das Wasser bis ans Kinn ging, gab er auch
diese Hoffnung auf und schwamm.

Er hatte erkannt, daß er selber ein Kahn war.

(Bertold Brecht)

… oft habe ich über die vielen Formen der Angst nachgedacht – und darüber, daß Menschen immer auf die falschen Angstauslöser reagieren: sie haben Angst vor ihrem Chef, aber nicht vor dem zunehmenden Ozonloch. Ängstlich hüten sie ihr Image gegenüber ihren ihnen sonst gänzlich gleichgültigen Nachbarn, aber in die Gefahr seelischer Verletzung begeben sie sich mit erstaunlichem Gleichmut.

(Robert Peroni )

Gothama, der Buddha, lehrte die Lehre vom Rade der Gier, auf das wir geflochten sind, und empfahl, alle Begierde abzutun und so wunschlos einzugehen ins Nichts, das er Nirwana nannte.

Da fragten ihn eines Tages seine Schüler: »Wie ist dies Nichts, Meister? Wir alle möchten abtun alle Begierde, wie Du empfiehlst, aber sage uns, ob dies Nichts, in das wir dann eingehen, etwa so ist, wie dies Einssein mit allem Geschaffenen, wenn man im Wasser liegt, leichten Körpers, am Mittag ohne Gedanken fast, faul im Wasser liegt oder in Schlaf fällt, kaum noch wissend, daß man die Decke zurechtschiebt, schnell versinkend, ob dieses Nichts also so ein fröhliches ist, ein gutes Nichts, oder ob dies Dein Nichts, nur einfach ein Nichts ist, kalt, leer und bedeutungslos.«

Lange schwieg der Buddha, dann sagte er lässig: »Keine Antwort ist auf Eure Frage.«

Aber am Abend, als sie gegangen waren, saß der Buddha noch unter dem Brotbaum und sagte den Anderen, denen, die nicht gefragt hatten, folgendes Gleichnis:

»Neulich sah ich ein Haus. Es brannte. Am Dache nagte die Flamme. Ich ging hinzu und bemerkte, daß noch Menschen drin waren. Ich trat in die Tür und rief ihnen zu, daß Feuer im Dach sei, sie also auffordernd, schnell hinaus zu gehen.

Aber die Leute schienen nicht eilig. Einer fragte mich, während ihm schon die Hitze die Braue versengte, wie es draußen denn sei, ob es auch nicht regne, ob nicht doch Wind ginge, ob da ein anderes Haus sei, und so noch einiges.

Ohne zu antworten, ging ich wieder hinaus. Diese, dachte ich, müssen verbrennen, bevor sie zu fragen aufhören.

Wirklich, Freunde, wem der Boden noch nicht so heiß ist, daß er ihn lieber mit jedem anderen vertausche, als daß er dabliebe, dem habe ich nichts zu sagen.

So Gothama, der Buddha.

(Bertold Brecht)

Wenn eine Veränderung geschehen soll, dann muß etwas verändert werden.

(Hegel)

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